Endometriose und Kinderwunsch – rund 30–50 % aller Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch haben Endometriose. Die zentrale Frage lautet: Soll ich mich zuerst operieren lassen oder direkt mit einer IVF starten? Dieser Artikel fasst die aktuelle Studienlage nach der ESHRE-Leitlinie 2022 zusammen und zeigt, welche Wege in Ihrer Situation am erfolgversprechendsten sind – von der Diagnose über die Behandlung bis zum Fertilitätserhalt.
Was ist Endometriose?
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter ansiedelt. Betroffen sind meist die Eierstöcke, Eileiter und das Bauchfell. Diese Herde reagieren auf den Menstruationszyklus und können Entzündungen, Schmerzen und Verwachsungen verursachen.
Etwa 10–15 % aller Frauen im gebärfähigen Alter sind betroffen. Bei Frauen mit Kinderwunsch ist die Zahl deutlich höher: 30–50 % haben Endometriose. Damit gehört sie zu den häufigsten Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch.
Quelle: ESHRE Endometriosis Guideline 2022; Zondervan et al. 2020, N Engl J Med
Die psychische Belastung ist erheblich: Viele Frauen berichten von Schmerzen, die ihre Lebensqualität stark einschränken, und von emotionalem Stress durch den unerfüllten Kinderwunsch. Deshalb ist eine individuelle Beratung und ein klarer Behandlungsplan so wichtig.
Symptome erkennen
Die Symptome der Endometriose sind vielfältig und von Frau zu Frau unterschiedlich. Etwa 20–30 % der Betroffenen haben keine Beschwerden und erfahren erst beim Kinderwunsch von ihrer Erkrankung.
Chronische Unterbauchschmerzen
Schmerzen vor und während der Periode, die stärker sind als normale Regelschmerzen. Oft auch zyklusunabhängig vorhanden.
Starke oder lange Regelblutung
Blutungen über 7 Tage, oft mit Blutgerinnseln. In Kombination mit Schmerzen ein typisches Warnsignal.
Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
Sogenannte Dyspareunie – besonders bei tiefem Eindringen und oft zyklusabhängig stärker ausgeprägt.
Verdauungsbeschwerden
Durchfall, Verstopfung oder Schmerzen beim Stuhlgang – besonders während der Periode. Wird oft mit Reizdarm verwechselt.
Chronische Müdigkeit
Anhaltende Erschöpfung durch die chronische Entzündung und mögliche Blutarmut – ein oft unterschätztes Symptom.
Unerfüllter Kinderwunsch
Manchmal das einzige Symptom. Etwa ein Drittel aller Frauen mit Kinderwunsch-Problemen hat eine bisher nicht erkannte Endometriose.
⚠️ Wichtig zu wissen
Wenn Sie mehrere dieser Symptome kennen und Ihr Kinderwunsch bisher unerfüllt ist, sollten Sie eine Abklärung in einer spezialisierten Kinderwunschklinik in Betracht ziehen. Eine frühe Diagnose spart wertvolle Zeit.
Wie beeinflusst Endometriose die Fruchtbarkeit?
Endometriose beeinträchtigt die Fruchtbarkeit durch mehrere Mechanismen, die teilweise noch nicht vollständig verstanden sind. Die drei wichtigsten Faktoren:
Verwachsungen
Endometriose-Herde können Eileiter und Eierstöcke verkleben. Die Eizelle kann dann nicht mehr richtig transportiert werden.
Chronische Entzündung
Entzündungsbotenstoffe (Zytokine) stören die Spermien-Beweglichkeit, Eizellreifung, Befruchtung und Einnistung.
Verminderte Eizellreserve
Oxidativer Stress und direkte Schädigung der Eierstöcke können den AMH-Wert senken und die Eizellqualität verringern.
Kernbotschaft: Das Alter und die Eizellreserve (AMH) sind bei Endometriose noch wichtiger als bei anderen Ursachen des unerfüllten Kinderwunsches. Eine frühzeitige AMH-Messung und Beratung sind deshalb entscheidend.
Diagnose und Stadieneinteilung
Die sichere Diagnose der Endometriose erfordert eine direkte Sichtung der Herde – in den meisten Fällen durch eine Bauchspiegelung. Vorher kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz:
Transvaginaler Ultraschall
Erste Bildgebung – erkennt Zysten an den Eierstöcken (Endometriome) gut. Für tiefe Endometriose ist die Empfindlichkeit jedoch begrenzt.
MRT (Magnetresonanztomographie)
Beste nicht-invasive Methode zur Beurteilung von tief infiltrierender Endometriose (DIE). Nicht immer nötig, aber bei komplexen Fällen sehr hilfreich.
Bauchspiegelung (Laparoskopie) – Goldstandard
Nur so können alle Herde gesehen und per Gewebeprobe bestätigt werden. Invasiv, aber der sicherste Weg zur Diagnose. Gleichzeitig können Herde behandelt werden.
Die rASRM-Klassifikation
Die American Society for Reproductive Medicine teilt Endometriose in vier Stadien ein:
| Stadium | Beschreibung | Typische Befunde |
|---|---|---|
| I – Minimal | Oberflächliche Herde, keine Verwachsungen | Kleine Läsionen am Bauchfell |
| II – Mild | Oberflächliche + tiefe Läsionen, minimale Verwachsungen | Endometriome <2 cm, leichte Verwachsungen |
| III – Moderat | Mehrere tiefe Läsionen, deutliche Verwachsungen | Endometriome 2–3 cm, Eileiter-Verwachsungen |
| IV – Schwer | Dichte Verwachsungen, großflächige Beteiligung | Große Endometriome >3 cm, Darm-/Harnleiterbeteiligung |
OP oder direkt IVF?
Diese Frage beschäftigt die meisten Frauen mit Endometriose und Kinderwunsch. Die ESHRE-Leitlinie 2022 gibt klare Empfehlungen – abhängig vom Stadium und Alter:
OP bei Stadium I–II
Eine Laparoskopie mit Entfernung der Herde kann erwogen werden. Spontane Schwangerschaftsrate nach OP: ca. 33 %.
Vorteile:
Natürliche Schwangerschaft möglich, Schmerzen werden oft besser, gleichzeitig Diagnose und Therapie.
Nachteile:
NNT = 12 (12 Frauen müssen operiert werden, damit eine zusätzlich schwanger wird). OP-Risiken. Zeitverlust bei älteren Patientinnen.
Direkt IVF bei Stadium III–IV
Bei fortgeschrittener Endometriose ist eine IVF mit Vorbehandlung meist die bessere Wahl. Schwangerschaftsrate mit GnRH-Agonist: über 48 %.
Vorteile:
Höhere Schwangerschaftsrate, kein OP-Risiko für die Eierstöcke, schnellerer Weg.
Nachteile:
Kosten der IVF, hormonelle Belastung, Endometriose-Herde bleiben bestehen.
Das Alter ist ein entscheidender Faktor
| Alter | Stadium I–II | Stadium III–IV |
|---|---|---|
| Unter 35 Jahre | OP erwägen → 6–12 Mon. spontan versuchen → ggf. IVF | Direkt IVF mit GnRH-Agonist-Vorbehandlung |
| 35–39 Jahre | Schnelle Entscheidung – IVF oft sinnvoller als Warten | Direkt IVF mit GnRH-Agonist-Vorbehandlung |
| Ab 40 Jahre | IVF ohne Verzögerung – jeder Monat zählt | IVF ohne Verzögerung – jeder Monat zählt |
In unserer Kinderwunschklinik in Thalheim bei Wels beraten wir Endometriose-Patientinnen individuell – ob der Weg über eine OP oder direkt über eine IVF führen sollte. Dabei berücksichtigen wir Alter, ovarielle Reserve, Endometriose-Schweregrad und Ihren persönlichen Wunsch.
Datenquelle: Becker et al. 2022 (Hum Reprod Open); ESHRE Guideline 2022
⚠️ Wichtig: Endometriome vor IVF
Eine routinemäßige Entfernung von Endometriomen (Schokoladenzysten) vor einer IVF ist nach aktueller Leitlinie nicht empfohlen, da das Risiko für eine Schädigung der Eizellreserve zu hoch ist. Die Zysten können in den meisten Fällen belassen werden.
IVF bei Endometriose – das optimale Vorgehen
Die In-vitro-Fertilisation (IVF) ist eine der effektivsten Behandlungen für Frauen mit Endometriose. Mit der richtigen Vorbehandlung lassen sich die Erfolgsraten deutlich steigern.
GnRH-Agonist-Vorbehandlung: der entscheidende Schritt
Die Vorbehandlung über 3–6 Monate vor der IVF bringt wesentliche Vorteile: Die Schwangerschaftsrate steigt von etwa 28 % auf über 48 %, die Entzündung im Becken wird unterdrückt und die Gebärmutterschleimhaut wird besser auf die Einnistung vorbereitet.
Datenquelle: Sallam et al. 2006 (Cochrane); Surrey & Hornstein 2002
Gute Nachricht: IVF schadet der Endometriose nicht. Im Gegenteil – die GnRH-Agonist-Vorbehandlung hilft, die Herde zu kontrollieren. Und wenn die IVF zu einer Schwangerschaft führt, kann sich die Endometriose danach zusätzlich verbessern.
Kumulative Erfolgschancen
Nach aktuellen Daten (Somigliana et al. 2025, Human Reproduction) erreichen Frauen unter 40 mit Endometriose eine kumulative Schwangerschaftsrate von über 60 % nach mehreren IVF-Zyklen mit optimaler Vorbehandlung. Entscheidend: Eine frühe Diagnose und schnelle Therapie-Einleitung, da jedes Jahr Warten die Eizellreserve weiter reduziert.
Aus unserer klinischen Erfahrung wissen wir: Jede Patientin mit Endometriose braucht ein individuelles Protokoll. Deshalb besprechen wir im Erstgespräch genau, welche Vorbehandlung und welches Stimulationsprotokoll für Ihre Situation am besten geeignet ist.
Endometriose und Kinderwunsch?
Wir erstellen Ihren persönlichen Behandlungsplan – individuell, evidenzbasiert und auf dem neuesten Stand.
Fertilitätserhalt: Eizellen einfrieren vor der OP
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Reproduktionsmedizin: Jede geplante Eierstockoperation kann die Eizellreserve dauerhaft senken. Bei Endometriose, wo die Eierstöcke oft schon durch die Erkrankung belastet sind, ist das besonders relevant.
🚨 Wichtige Empfehlung
Wenn eine Laparoskopie geplant ist, sollte vorher eine IVF-Stimulation mit Eizell-Einfrierung (Fertility Preservation) stattfinden – besonders bei niedrigem AMH oder geplanter bilateraler Zystenentfernung.
Ablauf der Eizell-Kryokonservierung vor OP
Ausgangsbefund erheben
AMH-Messung, Ultraschall der Eierstöcke, Hormonprofil.
Hormonelle Stimulation
Standard-IVF-Protokoll über 10–12 Tage mit Zyklusmonitoring.
Eizellentnahme
Unter kurzer Narkose und Ultraschallkontrolle – schonend und ambulant.
Eizellen einfrieren (Vitrifikation)
Schnelles Einfrierverfahren mit Überlebensraten von über 95 %. Die Eizellen werden sicher in der Kryobank gelagert.
Erholungsphase → geplante OP
Nach 1–2 Zyklen Erholung kann die Laparoskopie stattfinden – mit der Sicherheit, dass Eizellen als Reserve vorhanden sind.
Kernbotschaft: Das Zeitfenster für Fertility Preservation ist begrenzt. Die Eizellqualität sinkt mit jedem Jahr. Wenn Sie eine OP planen und unter 40 sind, sprechen Sie vorher mit uns über Eizell-Einfrierung.
Häufige Fragen – Endometriose und Kinderwunsch
Persönliche Beratung gewünscht?
Sie haben Endometriose und möchten schwanger werden? Wir beraten Sie individuell – ob OP, IVF oder Fertilitätserhalt.
Über den Autor
Verfasst von Dr. Roman Pavlik, Facharzt für Gynäkologie und Reproduktionsmedizin. Als ärztlicher Leiter der Kinderwunschklinik Dr. Pavlik verfolge ich aktuelle Studien und Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin, um unseren Patientinnen und Patienten die bestmögliche Behandlung auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu bieten.
Stand: Februar 2026 – Wir aktualisieren unsere Inhalte regelmäßig auf Basis aktueller Studienlage.
Quellen
- ESHRE Endometriosis Guideline Development Group. Endometriosis: ESHRE Guideline. Human Reproduction Open. 2022. doi: 10.1093/hropen/hoac009
- Becker CM, Bokor A, Heikinheimo O, et al. ESHRE guideline: endometriosis. Human Reproduction Open. 2022;2022(2):hoac009. doi: 10.1093/hropen/hoac009
- Sallam HN, Garcia-Velasco JA, Dias S, et al. Long-term pituitary down-regulation before in vitro fertilization (IVF) for women with endometriosis. Cochrane Database Syst Rev. 2006;(1):CD004635. doi: 10.1002/14651858.CD004635.pub2
- Somigliana E, Vigano P, Benaglia L, et al. Management of endometriosis in the infertile patient. Human Reproduction. 2025 (in press).
- Zondervan KT, Becker CM, Missmer SA. Endometriosis. N Engl J Med. 2020;382(13):1244-1256. doi: 10.1056/NEJMra1810764
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