Ein häufiges Phänomen: Das erste Kind kam mühelos – und jetzt, Jahre später, funktioniert es nicht mehr. Die Diagnose heißt sekundäre Sterilität, und sie bringt Unsicherheit und Fragen mit sich. Warum ist plötzlich alles anders? Was hat sich verändert? Und gibt es Hoffnung? Dieser Artikel beleuchtet das Thema ganzheitlich und zeigt Wege auf.
Ihr Gefühl ist berechtigt
Wenn Sie nach einem ersten Kind Schwierigkeiten haben, erneut schwanger zu werden, ist das emotional oft belastender als primäre Unfruchtbarkeit. Sie wissen, dass es funktioniert – und verstehen nicht, warum nicht jetzt. Das ist ein häufiges Problem, und es gibt Lösungen.
Was ist sekundäre Sterilität?
Dies unterscheidet sich von primärer Sterilität, bei der noch nie eine Schwangerschaft eingetreten ist. Sekundäre Sterilität ist nicht seltener – sogar häufiger. Die Ursachen sind aber oft andere.
Schwangerschaftswahrscheinlichkeit nach Alter (pro Zyklus)
Quelle: Baird et al. 1992; ESHRE-Leitlinien 2023
Häufige Ursachen
Ursachen bei der Frau
Alter & Eizellqualität
Häufigste Ursache. Mit jedem Jahr sinkt Anzahl und Qualität der Eizellen. Rauchen und Übergewicht beschleunigen den Prozess. Mehr zu Kinderwunsch ab 35.
Hormonelle Veränderungen
FSH steigt, AMH sinkt. Schilddrüsenprobleme oder Insulinresistenz können sich entwickeln.
Gynäkologische Erkrankungen
Endometriose, Myome, Verwachsungen nach Kaiserschnitt oder Kürettage, Asherman-Syndrom, Eileiterverschluss.
Lebensstil-Veränderungen
Mehr Stress, Gewichtszunahme nach Schwangerschaft, Schlafmangel, weniger Bewegung. Mehr zur Ernährung bei Kinderwunsch.
Ursachen beim Mann
Spermienqualität
Verschlechterung durch Übergewicht, Stress, Rauchen oder berufliche Exposition (Hitze, Chemikalien).
Hormone & Urologie
Testosteron sinkt mit dem Alter. Infektionen, Varikozele oder andere urologische Probleme können neu auftreten.
Wann ärztliche Hilfe suchen?
| Alter | Wann zum Arzt? |
|---|---|
| Unter 35 | Nach 12 Monaten erfolglosem Versuch |
| 35–39 | Nach 6 Monaten |
| 40+ | Sofort – jeder Monat zählt |
| Bekannte Risiken | Sofort (Endometriose, Fehlgeburten, frühere Fertilitätsprobleme) |
⚠️ Nicht abwarten, wenn:
Sie über 40 sind, bekannte Endometriose oder gynäkologische Erkrankungen haben, bereits Fehlgeburten hatten, oder Ihr Partner auffällige Spermiogramm-Befunde hat.
Diagnostik
Die Diagnostik bei sekundärer Sterilität folgt ähnlichen Prinzipien wie bei primärer – kann aber rascher erfolgen, wenn Sie bereits untersucht wurden.
Diagnostik der Frau
Anamnese & Untersuchung
Was hat sich seit dem ersten Kind verändert? Blutungen, Schmerzen, Geburten, Fehlgeburten?
Hormonuntersuchung
FSH, LH, Östradiol (Tag 3), Progesteron (Lutealphase), TSH, Prolaktin.
AMH-Test
Zeigt die Eizellreserve an. Ist dieser sehr niedrig, ist schnelles Handeln geboten.
Ultraschall & Eileiterdurchgängigkeit
Follikelanzahl, Eierstöcke, Myome. HyCoSy zur Prüfung der Eileiterdurchgängigkeit.
Diagnostik des Mannes
Spermiogramm
Menge, Konzentration, Motilität, Morphologie. Wiederholung nach 2–3 Monaten, da Werte variieren.
Hormone & Urologie
Bei auffälligen Werten: Testosteron, FSH, LH. Klinische Untersuchung auf Varikozele.
Gemeinsam untersucht: Infektionsscreening (Chlamydien, HIV, Hepatitis), Blutgruppe und Rhesusfaktor, bei wiederholten Fehlgeburten: Thrombophiliescreening und Antiphospholipid-Syndrom.
Klarheit in 1–2 Wochen
Im Erstgespräch starten wir die Diagnostik – schnell, gründlich und individuell.
Behandlungsmöglichkeiten
Stufenkonzept
Hormonelle Therapie
Ovulationsinduktion mit Clomifen oder Letrozol bei gestörter Ovulation. Schilddrüsen-Therapie wenn TSH erhöht.
Operative Maßnahmen (bei Bedarf)
Hysteroskopie (Myome, Polypen, Adhäsionen entfernen), Laparoskopie (Endometriose, Eileiterverschluss).
Reproduktionsmedizin
Wenn konservative Maßnahmen nicht reichen: IUI, IVF oder ICSI. Welche Methode passt, hängt von der Diagnose ab. IVF vs. ICSI.
Unser Ansatz: Individuell und schrittweise. Wir untersuchen gründlich, verstehen die Ursachen und setzen die passende Therapie ein – von Lebensstiloptimierung über Hormone bis zu modernen reproduktionsmedizinischen Techniken. Häufig braucht es mehrere Bausteine.
Psychische Belastung
Sekundäre Sterilität wird psychologisch oft unterschätzt. Die Familie ist „perfekt" – und plötzlich kommt die Trauer. Gefühle wie Schuld, Neid auf andere Familien, Isolation und depressive Verstimmungen sind völlig normal und berechtigt.
Gefühle ernst nehmen
Trauer, Schuld und Neid sind normal. Lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie „dankbar sein sollten" für das erste Kind.
Als Paar verbunden bleiben
Kinderwunsch kann isolieren. Bleiben Sie in Kontakt – mit Ihrem Partner und vertrauten Menschen.
Professionelle Unterstützung
Psychologische Beratung kann helfen. Auch Selbsthilfegruppen und Online-Foren bieten Halt.
Geduld haben
Das ist ein Marathon, kein Sprint. Geben Sie sich selbst Zeit – und gehen Sie liebevoll mit sich um.
Häufige Fragen
Sie sind nicht allein – wir helfen Ihnen
Sekundäre Sterilität ist häufig und gut behandelbar. Im Erstgespräch finden wir gemeinsam den besten Weg.
Über den Autor
Verfasst von Dr. Roman Pavlik, Facharzt für Gynäkologie und Reproduktionsmedizin und ärztlicher Leiter der Kinderwunschklinik Dr. Pavlik in Thalheim bei Wels.
Stand: März 2026 – Inhalte werden regelmäßig auf Basis aktueller Studienlage aktualisiert.
Quellen
- Baird DD et al. Age-specific fecundability in older women. Fertil Steril. 1992;58(4):684-690.
- Coccia ME, Goteri G. Secondary infertility: epidemiology, diagnosis, treatment. Reprod Biomed Online. 2008;18(s1):65-75.
- WHO. Laboratory manual for examination of human semen. Cambridge University Press. 2011.
- Tur-Kaspa I et al. Infertility as early manifestation of metabolic syndrome. Fertil Steril. 2006;86(3):509-514.
- DGRM: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von Fertilitätsstörungen. 2023.
- ESHRE: Guideline on management of infertility. Hum Reprod. 2023.
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung.



